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Törnbericht "Seewolf"

Ostsee, September 2000

 

Kapitän: Bernd

Navigator / Rudergänger: Ulli

Maschinist / Smutje: Willi

Bootsmann: Achim

Landratten: Christel, Birgit, Ahrend, Andreas

 

 

Nun gut, ich sollte mich vielleicht vorweg als echte „Landratte“ outen, der ein Segelschiff  höchstens aus der TV-Werbung einer großen deutschen Biermarke kennt. Ein paar Fährfahrten nach Langeoog und Helgoland oder ne Hafenrundfahrt in Hamburg, da hört es dann auch schon bei mir mit christlicher Seefahrt auf. Ich mag das Meer, keine Frage, aber doch eher von Landseite aus, schön am Strand spazieren, mit dem Rauschen der Wellen aus sicherer Entfernung. So war ich einigermaßen überrascht, als mich Bernd, ein Kollege, zu einem einwöchigen Segeltörn auf der Ostsee einlud. Meine Bedenken, hinsichtlich Seekrankheit und Sicherheit auf den, in meinen Augen „Nussschalen“ konnte Bernd nicht völlig ausräumen. Ein Vorab-Treffen mit allen Teilnehmern steigerte mein Vertrauen dann doch etwas. Da saßen vier gestandene Männer in den 40gern und 50gern, die schone einige Seemeilen zurückgelegt haben, und wohl wissen sollten, was zu tun ist, um sicher wieder in den Heimat-Hafen zurück zu kehren. Die Neugier siegt, ich komme mit.

 

Samstag, kurz vor Mittag, Jachthafen Burgtiefe, Fehmarn.

Über die langen, Kreisstege geht’s zum Liegeplatz des „Seewolf“, der 16 Meter langen Zweimast-Ketsch, die für 6 Tage unser schwimmendes Zuhause sein wird. Die Mannschaft ist geraden mit dem Verstauen der flüssigen Lebensmittel (Palettenweise Halbliterdosen mit Kaltgetränk auf Hefebasis und diverse Flaschen gehaltvollen spanischen Aperitif J ) beschäftigt, während Skipper Bernd die Übergabe des Schiffs mit dem Mann vom Vercharterer vorbereitet. Er Kapitän ist mit Zustand, Ausstattung und Komfort des „Seewolf“ zufrieden: Zehn Kojen in vier getrennten Kajüten, vier (!)Toiletten inklusive Dusche, ’ne knuffige Kochecke mit Gefrierschank, und ein urgemütlicher Salon, was die Passagiere interessieren dürfte. Für alle Seebären: 16m lang, 4,20m breit, 2m Tiefgang. Baujahr 1990 mit 19m Hauptmast sowie Rollbesan, Rollgenua mit 60 m² Fläche , Rollgroßsegel mit 40m² Flache, eine Perkins Diesel Maschine mit 136 PS, GPS-Navigator, UKW-Sprechfunk, Radar, Echolot, Windmesser  Selbststeueranlage (ein wenig laut), 2. Steuereinheit unter Deck, Beiboot an Davit’s mit Außenborder uvm . Als alles verstaut ist und sich die komplette Mannschaft an Deck eingefunden hat, gibt’s die offizielle Begrüßung durch den Skipper, mit einer Runde trockenen Sherry. Die ersten beiden Schluck aus der Flasche gebühren nach alter Tradition Rasmus und Neptun um sie freundlich zu stimmen für unseren geplanten Törn.  Also hätte es theoretisch losgehen können. Auf Vorschlag von Käpt’n, mit Blick auf die fortgeschrittene Uhrzeit (es wurde 3 Uhr in der Nacht…), bleiben wir heute Abend im Hafen und starten morgen früh in grobe Richtung Dänemark, den Rest bestimmt sowieso der Wind. So wie’s sich für Segler gehört. Aber eben dieser Wind spielte am nächsten morgen nicht mit (War’s doch nicht genug Sherry für Rasmus?) Starkwind 5-6 in Böen 7-8 aus N – NW, dazu dichte Wolkendecke und zeitweise viel Regen. Selbst im Yachthafen schlugen die Boote gegeneinander. Mit vereinten Kräften wurde der „Seewolf“ noch einmal vernünftig an seinem Liegeplatz vertäut, bevor unter uns die Langeweile oder besser gesagt der „Bordkoller“ ausbrach. Die männlichen Landratten übten sich daher ein wenig in Navigation, Bordtechnik, Knotenkunde und kleineren Zauberkunststücken (den Inhalt einer volle Dosen in durstigen Mägen zaubern …) während die holde Weiblichkeit zu meutern beginnt… nun ja, Frauen halt. Jedes Update des Wetterberichtes vom Hafenmeister ließ die Stimmung immer mehr sinken… auch der nächste Tag soll nicht viel besser werden. Erst am Mittwoch wird es südliche Winde geben, die uns in Richtung Dänemark bringen würden. Noch mehr Liegetage?? Nein, beim ausgiebigen Frühstück am nächsten Morgen wurde „Leinen los“ beschlossen. Um 12.35 Uhr verlassen wir unter Maschine den Anleger in Richtung Geezer Weg. Ein gelungenes Ablege-Manöver verlangt ein gelungenes Tröpfchen. Der erste „Manöver-Sherry“ schmeckt besoneders gut. Auch die Stimmung steigt nun wieder, denn endlich geht’s los und jeder packt mit an. Die See ist zunächst ruhiger als erwartet, sogar die Sonne lässt sich blicken. Willi steuert uns unter Maschine ostwärts aus dem Schutz der Küste von Fehmarn, bis wir so gegen 15 Uhr endlich den lärmenden Diesel ausmachen können und der „Seewolf“ seine wahre Stärke zeigen kann. Unter vollen Segeln gleitet er wie ein Pflug im Sand durch das Wasser. Da bekomme ich auch einmal die Chance das Steuerrad in die Hände zu nehmen, den Strom des Meeres am Ruder zu spüren, Horizont und Kompass im Blick, und die Nase am Wind.  Ein unvergesslicher Moment, und definitiv der Ausbruch des „Segel-Virus“ den mir Bernd schon vor Monaten prophezeit hatte. Wir kreuzen mühselig, aber jede Wende macht uns im Umgang mit der schweren Takelage sicherer. Es waren die schönsten Stunden des Tages, aber Meilen haben wir kaum machen können. Nur unter Protest wird gegen Abend wieder die Maschine zur Unterstützung angeworfen. Schnell kühlt sich die Luft ab und auch Wind und Regen gesellen sich wieder zu uns. Entsprechend unruhig wird auch die Ostsee. Eins wird klar: Die Nacht werden wir durchfahren müssen, um die Insel Aerö bei Tagesanbruch zu erreichen. Also wird die Mannschaft in zwei Schichten à vier Stunden aufgeteilt. Bernd als erster Schichtführer, übernimmt den Navi-Tisch und das Radar, Ulli steht bei ekelhaft nasskalter Luft am Ruder während Christel und Ahrend als verlängerte Augen des Steuermanns an Bug und Heck ausharren. Der Rest der Mannschaft ist auf Abruf unter Deck und versucht eine Mütze voll Schlaf zu bekommen. Das Schiff knallt mit dem Bug in jede Welle. Es knarrt und rumpelt unter Deck und Rumpf des „Seewolf“ neigt sich ehrfürchtig den Naturgewalten entgegen, kämpft sich aber wacker Meile um Meile durch das Wasser. Meine Versuche, in einer der Kojen im Bug genug halt zu finden, scheitert kläglich. Auch mein Magen bekommt das Abtauchen in jede Welle zu spüren. Ich fühle mich wie die schwebende Jungfrau zwischen Decke und Koje. Es dauert einige Zeit bis ich Kopf und Körper überreden kann, sich dem Rhythmus der See anzupassen. Die rettende Idee zur stabilen Rückenlage muss mir im Halbschlaf gekommen sein. Man stemme einfach das Knie so hoch, das es sich wie ein Keil zwischen Decken und Koje klemmt… So findet mich zumindest Ahrend vor, als er mich zu meiner Schicht weckt…

Die Aufgaben der Crew sind schnell verteilt. Willi, macht den zweiter Schichtführer und Steuermann, Achim fungiert Navigator und Birgit und ich sind als Auskucker genau da, wo’s nass wird. Während sich der Rest der ersten Schicht zum Aufwärmen und Schlafen unter Deck verziehen, ist unser Ulli nicht mehr von Steuerrad zu trennen. Wie eine deutsche Eiche steht er seit fast fünf Stunden am Ruder und macht auch keine Anstalten, seinen Posten zu verlassen. War er schon so steif gefroren, daß wir ihn samt Steuer unter Deck tragen müssen? Nein, er war einfach in seinem Element. Segeln, das ist halt ein echter „Virus“ und Ulli ist davon total befallen. Erst als er eine Büchse frischen Hopfenblütentee im Tausch zum festhalten bekommt, räumt der seinen Posten und setzt sich neben Steuermann Willi. Kalte Knochen hin oder her, Ulli bleibt als „seelischer Beistand“ an Deck. Ganz nebenbei erklärt er uns „Landratten“ das „Blinken und Feuern“ auf See und wie man anhand der leuchtenden Seezeichen und einer Seekarte seine Position einigermaßen genau bestimmen kann. Gegen 4 Uhr ist noch einmal Schichtwechsel und damit die letzte Gelegenheit, sich bei einem Tee etwas aufzuwärmen, bevor es für alle heißt „Fertigmachen zum Anlegen“. Nur zweieinhalb Stunden später sehen wir im Morgengrauen die Hafeneinfahrt von Aerosköbing. Fast so verschlafen wie wir, wirkt der Ort mit dem geradezu winzige Hafenbecken,  in das wir uns mit unserem „Seewolf“ einbiegen. Mit Fender und Leine bewaffnet stehen die „Neusegler“ an der Reling während Bootsmann Achim am Bug zum Sprung bereit steht. Mit einem blitzsauberen Anlegemanöver von Willi machen wir um 7 Uhr am Kai fest. What a Night. Müde blinzeln wir in die Morgensonne, die das kleine, romantische Fischerstädtchen mit den vielen bunten Häusern in ein seidiges Licht taucht. Als unsere Maschine endlich verstummt, können wir auch die herrliche Stille des Hafens genießen. Wir beschließen, die Ankunft mit einem reichhaltigen Frühstück zu feiern, natürlich nicht ohne eine ordentliche Portion von Willi’s Spezial-Rührei direkt aus der Pfanne. Erst jetzt sind wir richtig angekommen und können etwas vom entgangenen Schlaf nachholen.

 

Dienstag, Vormittag, Hafen von Aerösköbing, Insel Aero

Während der eine Teil der Crew noch eine Mütze voll Schlaf nachholt, erkundet der andere Teil schon mal ein wenig die malerischen alte Markt- und Kaufmannsstadt. Wer hier durch die Gassen mit den kleinen Fachwerkhäusern wandelt, hat das Gefühl, die Zeit wäre hier in 18. Jahrhundert stehen geblieben. Der Marktplatz mit den beiden berühmten Holzpumpen, die direkt vor dem Rathaus stehen, sowie das „Puppenhaus“ in der Smedegade  gehören zu den Anlaufpunkten beim ersten Rundgang. Bei einem Blick in die Fenster einiger Häuser, stolpert man sicher über die kleinen Porzellanhundepaare auf den Fensterbrettern. Nein, es sind keine wertvollen Arbeiten eines heimischen Künstlers. Es sind eher kleine Botschafter. Die einst von englischen Seeleuten mitgebrachten Hunde dienten dazu anzuzeigen, ob die Dirne gerade beschäftigt war oder nicht. Schauen sich die Hunde mit der Schnauze an, war der Freier willkommener Gast,  standen sie mit dem Hinterteil zueinander gedreht, ist das Mädel gerade schwer beschäftigt. Nonverbale Kommunikation auf dänisch. Weil nun die Damen des leichten Gewerbes kein Geld für ihre Dienste verlangen durften (Prostitution war damals strafbar), erwarb der Freier nach dem Vergnügen automatisch einen Porzellanhund. Da sich irgendwann auch mal ’rumsprach, woher die niedlichen Mitbringsel für die daheim gebliebene Frau stammen, landeten von da an die unschuldigen Tiere zu Tausende auf dem Meeresboden vor der dänischen Küste, wo sie noch heute ihr feuchtes Dasein fristen. Aber zurück zum Segeltörn, besser gesagt zum Schiff, wo die Schlafmützen langsam vom Hunger geweckt wurden. Also Töpfe frei für einen deftigen mexikanischen Bohneneintopf, den wir gemeinsam auf den Bänken des Grillplatzes neben dem Hafenbecken einnahmen. Gestärkt machte sich dann fast jeder auf den Weg in die Puppenstadt um nach einer passenden Hafen-Pinte für den Abschiedsabend mit der gesamten Mannschaft zu finden. Nun ja, die „Hafenkneipe“ war schließlich ein recht nobles Hotel-Restaurant, in dem die Kellner das Eintreffen unseres recht munteren Haufens mit merklicher Skepsis betrachteten. Egal, es gibt lecker Essen aus der Bordkasse und Freibier auf den Deckel vom Käpt’n.  Zur Information: Alkohol ist in skandinavischen Ländern verdammt teuer. Die Rechnung für Futter war deutlich geringer als die Getränkerechnung, die Bernd nach dem ersten Schock doch erhobenen Hauptes und mit geschlossen Augen beglich. (Noch mal Danke an dieser Stelle). Auf dem Weg zurück hatten wir noch einmal die Gelegenheit den Sternenhimmel über Aerö zu genießen. An Bord ließen einige noch den Abend gemütlich ausklingen, aber doch in dem Bewusstsein, morgen früh geht’s zeitig weiter.

 

Mittwoch, Vormittag Hafen von Aerösköbing, Insel Aero

Das Frühstück hatte sich etwas ausgedehnt, wohl in der dunklen Ahnung, das es aufn der nächsten Etappe schwierig werden würde mit dem Kochen. Bei recht guten  Winden wurden gegen 10.30 Uhr „Leinen los“ gemacht und der „Seewolf“ tuckerte vorsichtig aus dem Gastliegeplatz aus dem verträumten ehemaligen Handelshafen. Ein schöner Anblick, vor allem, wenn man es sich vom Kai aus sehen kann. Nein, wir haben niemanden vergessen. Ich blieb freiwillig, bewaffnet mit Video- und Fotokamera um das Schauspiel festzuhalten. Ein Bilderbuch Ablegemanöver. Schade nur, dass niemand meinen stunt-reifen Sprung zurück an Bord bei langsamer Fahrt am Ende der Kaimauer eingefangen hat.  Kaum aus dem Hafen raus, wurden die Segel gesetzt und es ging mit Kurs 15° Grad in Richtung Bargenkop.

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