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Kapitän: Bernd
Navigator / Rudergänger: Ulli
Maschinist / Smutje: Willi
Bootsmann: Achim
Landratten: Christel, Birgit, Ahrend,
Andreas
Nun gut, ich sollte mich vielleicht vorweg als echte „Landratte“
outen, der ein Segelschiff höchstens aus der TV-Werbung einer
großen deutschen Biermarke kennt. Ein paar Fährfahrten nach Langeoog
und Helgoland oder ne Hafenrundfahrt in Hamburg, da hört es dann
auch schon bei mir mit christlicher Seefahrt auf. Ich mag das Meer,
keine Frage, aber doch eher von Landseite aus, schön am Strand
spazieren, mit dem Rauschen der Wellen aus sicherer Entfernung. So
war ich einigermaßen überrascht, als mich Bernd, ein Kollege, zu
einem einwöchigen Segeltörn auf der Ostsee einlud. Meine Bedenken,
hinsichtlich Seekrankheit und Sicherheit auf den, in meinen Augen
„Nussschalen“ konnte Bernd nicht völlig ausräumen. Ein Vorab-Treffen
mit allen Teilnehmern steigerte mein Vertrauen dann doch etwas. Da
saßen vier gestandene Männer in den 40gern und 50gern, die schone
einige Seemeilen zurückgelegt haben, und wohl wissen sollten, was zu
tun ist, um sicher wieder in den Heimat-Hafen zurück zu kehren. Die
Neugier siegt, ich komme mit.
Samstag, kurz vor Mittag, Jachthafen Burgtiefe, Fehmarn.
Über die langen, Kreisstege geht’s zum Liegeplatz des „Seewolf“, der
16 Meter langen Zweimast-Ketsch, die für 6 Tage unser schwimmendes
Zuhause sein wird. Die Mannschaft ist geraden mit dem Verstauen der
flüssigen Lebensmittel (Palettenweise Halbliterdosen mit Kaltgetränk
auf Hefebasis und diverse Flaschen gehaltvollen spanischen Aperitif
J
) beschäftigt, während Skipper Bernd die Übergabe des Schiffs mit
dem Mann vom Vercharterer vorbereitet. Er Kapitän ist mit Zustand,
Ausstattung und
Komfort
des „Seewolf“ zufrieden: Zehn Kojen in vier getrennten Kajüten, vier
(!)Toiletten inklusive Dusche, ’ne knuffige Kochecke mit
Gefrierschank, und ein urgemütlicher Salon, was die Passagiere
interessieren dürfte. Für alle Seebären: 16m lang, 4,20m breit, 2m
Tiefgang. Baujahr 1990 mit 19m Hauptmast sowie Rollbesan, Rollgenua
mit 60 m² Fläche , Rollgroßsegel mit 40m² Flache, eine Perkins
Diesel Maschine mit 136 PS, GPS-Navigator, UKW-Sprechfunk, Radar,
Echolot, Windmesser Selbststeueranlage (ein wenig laut), 2.
Steuereinheit unter Deck, Beiboot an Davit’s mit Außenborder uvm .
Als alles verstaut ist und sich die komplette Mannschaft an Deck
eingefunden hat, gibt’s die offizielle Begrüßung durch den Skipper,
mit einer Runde trockenen Sherry. Die ersten beiden Schluck aus der
Flasche gebühren nach alter Tradition Rasmus und Neptun um sie
freundlich zu stimmen für unseren geplanten Törn. Also hätte es
theoretisch losgehen können. Auf Vorschlag von Käpt’n, mit Blick auf
die fortgeschrittene Uhrzeit (es wurde 3 Uhr in der Nacht…), bleiben
wir heute Abend im Hafen und starten morgen früh in grobe Richtung
Dänemark, den Rest bestimmt sowieso der Wind. So wie’s sich für
Segler gehört. Aber eben dieser Wind spielte am nächsten morgen
nicht mit (War’s doch nicht genug Sherry für Rasmus?) Starkwind 5-6
in Böen 7-8 aus N – NW, dazu dichte Wolkendecke und zeitweise viel
Regen. Selbst im Yachthafen schlugen die Boote gegeneinander. Mit
vereinten Kräften wurde der „Seewolf“ noch einmal vernünftig
an
seinem Liegeplatz vertäut, bevor unter uns die Langeweile oder
besser gesagt der „Bordkoller“ ausbrach. Die männlichen Landratten übten sich daher ein wenig in Navigation,
Bordtechnik, Knotenkunde und kleineren Zauberkunststücken (den
Inhalt einer volle Dosen in durstigen Mägen zaubern …) während die
holde Weiblichkeit zu meutern beginnt… nun ja, Frauen halt. Jedes
Update des Wetterberichtes vom Hafenmeister ließ die Stimmung immer
mehr sinken… auch der nächste Tag soll nicht viel besser werden.
Erst am Mittwoch wird es südliche Winde geben, die uns in Richtung
Dänemark bringen würden. Noch mehr Liegetage?? Nein, beim
ausgiebigen Frühstück am nächsten Morgen wurde „Leinen los“
beschlossen. Um 12.35 Uhr verlassen wir unter Maschine den Anleger
in Richtung Geezer Weg. Ein gelungenes Ablege-Manöver verlangt ein
gelungenes Tröpfchen. Der erste „Manöver-Sherry“ schmeckt besoneders
gut. Auch die Stimmung steigt nun wieder, denn endlich geht’s los
und jeder packt mit an. Die See ist zunächst ruhiger als erwartet,
sogar die Sonne lässt sich blicken. Willi steuert uns unter Maschine
ostwärts aus dem Schutz der Küste von Fehmarn, bis wir so gegen 15
Uhr endlich den lärmenden Diesel ausmachen
können
und der „Seewolf“ seine wahre Stärke zeigen kann. Unter vollen
Segeln gleitet er wie ein Pflug im Sand durch das Wasser. Da bekomme ich auch einmal die Chance das Steuerrad
in die Hände zu nehmen, den Strom des Meeres am Ruder zu spüren,
Horizont und Kompass im Blick, und die Nase am Wind. Ein
unvergesslicher Moment, und definitiv der Ausbruch des „Segel-Virus“
den mir Bernd schon vor Monaten prophezeit hatte. Wir kreuzen
mühselig, aber jede Wende macht uns im Umgang mit der schweren
Takelage sicherer. Es waren die schönsten Stunden des Tages, aber
Meilen haben wir kaum machen können. Nur unter Protest wird gegen
Abend wieder die Maschine zur Unterstützung angeworfen. Schnell
kühlt sich die Luft ab und auch Wind und Regen gesellen sich wieder
zu uns. Entsprechend unruhig wird auch die Ostsee. Eins wird klar:
Die Nacht werden wir durchfahren müssen, um die Insel Aerö bei
Tagesanbruch zu erreichen. Also wird die Mannschaft in zwei Schichte n
à vier Stunden aufgeteilt. Bernd als erster Schichtführer, übernimmt
den Navi-Tisch und das Radar, Ulli steht bei ekelhaft
nasskalter Luft am Ruder während Christel und Ahrend als verlängerte
Augen des Steuermanns an Bug und Heck ausharren. Der Rest der
Mannschaft ist auf Abruf unter Deck und versucht eine Mütze voll
Schlaf zu bekommen. Das Schiff knallt mit dem Bug in jede Welle. Es
knarrt und rumpelt unter Deck und Rumpf des „Seewolf“ neigt sich
ehrfürchtig den Naturgewalten entgegen, kämpft sich aber wacker
Meile um Meile durch das Wasser. Meine Versuche, in einer der Kojen
im Bug genug halt zu finden, scheitert kläglich. Auch mein Magen
bekommt das Abtauchen in jede Welle zu spüren.
Ich fühle mich wie die schwebende Jungfrau zwischen Decke und Koje.
Es dauert einige Zeit bis ich Kopf und Körper überreden kann, sich
dem Rhythmus der See anzupassen. Die rettende Idee zur stabilen
Rückenlage muss mir im Halbschlaf gekommen sein. Man stemme einfach
das Knie so hoch, das es sich wie ein Keil zwischen Decken und Koje
klemmt… So findet mich zumindest Ahrend vor, als er mich zu meiner
Schicht weckt…
Die Aufgaben der Crew sind schnell verteilt. Willi, macht den
zweiter Schichtführer und Steuermann, Achim fungiert Navigator und
Birgit und ich sind als Auskucker genau da, wo’s nass wird. Während
sich der Rest der ersten Schicht zum Aufwärmen und Schlafen unter
Deck verziehen, ist unser Ulli nicht mehr von Steuerrad zu trennen.
Wie eine deutsche Eiche steht er seit fast fünf Stunden am Ruder und
macht auch keine Anstalten, seinen Posten zu verlassen. War er schon
so steif gefroren, daß wir ihn samt Steuer unter Deck tragen müssen?
Nein, er war einfach in seinem Element. Segeln, das ist halt ein
echter „Virus“ und Ulli ist davon total befallen. Erst als er eine
Büchse frischen Hopfenblütentee im Tausch zum festhalten bekommt,
räumt der seinen Posten und setzt sich neben Steuermann Willi. Kalte
Knochen hin oder her, Ulli bleibt als „seelischer Beistand“ an Deck.
Ganz nebenbei erklärt er uns „Landratten“ das „Blinken und Feuern“
auf See und wie man anhand der leuchtenden Seezeichen und einer
Seekarte seine Position einigermaßen genau bestimmen kann. Gegen 4
Uhr ist noch einmal Schichtwechsel und damit die letzte Gelegenheit,
sich bei einem Tee etwas aufzuwärmen, bevor es für alle heißt
„Fertigmachen zum Anlegen“. Nur zweieinhalb Stunden später sehen wir
im Morgengrauen die Hafeneinfahrt von Aerosköbing. Fast so
verschlafen wie wir, wirkt der Ort mit dem geradezu winzige
Hafenbecken, in das wir uns mit unserem „Seewolf“ einbiegen. Mit
Fender und Leine bewaffnet stehen die „Neusegler“ an der Reling
während Bootsmann Achim am
Bug zum Sprung bereit steht. Mit einem blitzsauberen
Anlegemanöver von Willi machen wir um 7 Uhr am Kai fest. What a
Night. Müde blinzeln wir in die M orgensonne,
die das kleine, romantische Fischerstädtchen mit den vielen bunten
Häusern in ein seidiges Licht
taucht. Als unsere
Maschine endlich verstummt, können wir auch die herrliche Stille des
Hafens genießen. Wir beschließen, die Ankunft mit einem
reichhaltigen Frühstück zu feiern, natürlich nicht ohne eine
ordentliche Portion von Willi’s Spezial-Rührei direkt aus der
Pfanne. Erst jetzt sind
wir richtig angekommen und können etwas vom entgangenen Schlaf nachholen.
Dienstag, Vormittag,
Hafen von Aerösköbing, Insel Aero
Während der eine Teil
der Crew noch eine Mütze voll Schlaf nachholt, erkundet
der andere Teil schon mal ein wenig die malerischen alte
Markt- und Kaufmannsstadt. Wer hier durch die Gassen mit
den kleinen Fachwerkhäusern wandelt, hat das Gefühl, die
Zeit wäre hier in 18. Jahrhundert stehen geblieben. Der
Marktplatz mit den beiden berühmten Holzpumpen, die
direkt vor dem Rathaus stehen, sowie das „Puppenhaus“ in
der Smedegade gehören zu den Anlaufpunkten beim ersten
Rundgang. Bei einem Blick in die Fenster einiger Häuser,
stolpert man sicher über die kleinen Porzellanhundepaare
auf den Fensterbrettern. Nein, es sind keine wertvollen
Arbeiten eines heimischen Künstlers. Es sind eher kleine
Botschafter. Die einst von englischen Seeleuten
mitgebrachten Hunde dienten dazu anzuzeigen, ob die
Dirne gerade beschäftigt war oder nicht. Schauen sich
die Hunde mit der Schnauze an, war der Freier
willkommener Gast, standen sie mit dem Hinterteil
zueinander gedreht, ist das Mädel gerade schwer
beschäftigt. Nonverbale Kommunikation auf dänisch. Weil
nun die Damen des leichten Gewerbes kein Geld für ihre
Dienste verlangen durften (Prostitution war damals
strafbar), erwarb der Freier nach dem Vergnügen
automatisch einen Porzellanhund. Da sich irgendwann auch
mal ’rumsprach, woher die niedlichen Mitbringsel für die
daheim gebliebene Frau stammen, landeten von da an die
unschuldigen Tiere zu Tausende auf dem Meeresboden vor
der dänischen Küste, wo sie noch heute ihr feuchtes
Dasein fristen. Aber zurück zum Segeltörn, besser gesagt
zum Schiff, wo die Schlafmützen langsam vom Hunger
geweckt wurden. Also Töpfe frei für einen deftigen
mexikanischen Bohneneintopf, den wir gemeinsam auf den
Bänken des Grillplatzes neben dem Hafenbecken einnahmen.
Gestärkt machte sich dann fast jeder auf den Weg in die
Puppenstadt um nach einer passenden Hafen-Pinte für den
Abschiedsabend mit der gesamten Mannschaft zu finden.
Nun ja, die „Hafenkneipe“ war schließlich ein recht
nobles Hotel-Restaurant, in dem die Kellner das
Eintreffen unseres recht munteren Haufens mit merklicher
Skepsis betrachteten. Egal, es gibt lecker Essen aus der
Bordkasse und Freibier auf den Deckel vom Käpt’n. Zur
Information: Alkohol ist in skandinavischen Ländern
verdammt teuer. Die Rechnung für Futter war deutlich
geringer als die Getränkerechnung, die Bernd nach dem
ersten Schock doch erhobenen Hauptes und mit geschlossen
Augen beglich. (Noch mal Danke an dieser Stelle). Auf
dem Weg zurück hatten wir noch einmal die Gelegenheit
den Sternenhimmel über Aerö zu genießen. An Bord ließen
einige noch den Abend gemütlich ausklingen, aber doch in
dem Bewusstsein, morgen früh geht’s zeitig weiter.
Mittwoch, Vormittag
Hafen von Aerösköbing, Insel Aero
Das Frühstück hatte sich etwas ausgedehnt, wohl in der
dunklen Ahnung, das es aufn der nächsten Etappe
schwierig werden würde mit dem Kochen. Bei recht guten
Winden wurden gegen 10.30 Uhr „Leinen los“ gemacht und
der „Seewolf“ tuckerte vorsichtig aus dem Gastliegeplatz
aus dem verträumten ehemaligen Handelshafen. Ein schöner
Anblick, vor allem, wenn man es sich vom Kai aus sehen
kann. Nein, wir haben niemanden vergessen. Ich blieb
freiwillig, bewaffnet mit Video- und Fotokamera um das
Schauspiel festzuhalten. Ein Bilderbuch Ablegemanöver.
Schade nur, dass niemand meinen stunt-reifen Sprung
zurück an Bord bei langsamer Fahrt am Ende der Kaimauer
eingefangen hat. Kaum aus dem Hafen raus, wurden die
Segel gesetzt und es ging mit Kurs 15° Grad in Richtung
Bargenkop. |